ADHS Symptome bei Erwachsenen
Inhaltsübersicht
Vielen stellen sich ADHS so vor: laut, unruhig, unübersehbar. Der klassische Zappel-Philipp, der einfach nicht ruhig dasitzen kann, immer etwas Unpassendes sagt und ständig ausflippt. Das allerdings ist ein sehr veraltetes, längst überholtes Bild eines ADHSlers, was viele Betroffene überhaupt nicht trifft.
ADHS-Symptome sind, insbesondere aktuell, ein Feld, das durch Social-Media-Trends und viel Aufmerksamkeit rund um das Thema ADHS geprägt ist von Fakten und Erfahrungswerten, die sich auf allen Kanälen mischen. In Foren, auf Social Media, in gut gemeinten Ratgeberartikeln stehen medizinisch gesicherte Kriterien neben Beobachtungen aus der Praxis und neben Aussagen, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie werden sehr oft geteilt, aber selten eingeordnet.
Wer sich mit ADHS-Symptomen beschäftigt, stößt deshalb auf mindestens drei Arten von Information:
1. Klinisch abgesicherte Symptome, wie sie im DSM-5 definiert sind, in Deutschland ergänzt durch das ICD-10.
2. Klinische Beobachtungen, die sich zunehmend auch in Studien wiederfinden, ohne selbst Diagnosekriterium zu sein.
3. Erfahrungen, die von ADHS-Betroffenen immer wieder übereinstimmend berichtet werden, wissenschaftlich aber kaum untersucht sind.
Ich finde alle drei Kategorien super relevant, aber wir müssen richtig einordnen, was was ist.
Die drei Kernmerkmale, die die Diagnose definieren
Nach DSM-5 stützt sich die ADHS-Diagnose auf drei Symptombereiche: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Daraus ergeben sich die bekannten drei Typen: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, kombiniert. In Deutschland wird für die Diagnose vor allem das ICD-10 herangezogen, ebenfalls ein Diagnosemanual, das teils engere Kriterien ansetzt.
Für eine Diagnose reicht das Wiedererkennen dieser Bereiche allein nicht aus. Dazu gehören außerdem ein Symptombeginn vor dem zwölften Lebensjahr, Beeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen (zum Beispiel im Job und gleichzeitig privat), eine bestimmte Mindestanzahl an Symptomen über mindestens sechs Monate und der Ausschluss anderer Erklärungen. Das kann nur eine entsprechend qualifizierte Fachperson feststellen. Genau das ist auch der Unterschied zwischen diesem Artikel und einer Diagnostik: Hier steht die Einordnung, in der Diagnostik eine fundierte Einschätzung mit schriftlichem Befund.
Die Kernsymptome können sich auf unterschiedliche Weise zeigen, häufig berichtet werden folgende Ausprägungen:
1. Unaufmerksamkeit zeigt sich bei Erwachsenen selten als offensichtliches Abschweifen. Häufiger ist das Gefühl, einem Gespräch, einem Text, einer Aufgabe nicht wirklich folgen zu können, obwohl man folgen will. Daraus ergibt sich häufig, dass Details verloren gehen und Aufgaben begonnen, aber nicht zu Ende gebracht werden. Aus der Unaufmerksamkeit ergibt sich häufig auch eine erhöhte Ablenkbarkeit, was zu Konzentrationsproblemen führt, oder eine Vergesslichkeit, die sich darin zeigt, ständig wichtige Gegenstände zu verlieren.
Wichtig ist dabei: Unaufmerksamkeit heißt nicht die Unfähigkeit zur Aufmerksamkeit, sondern die fehlende Steuerbarkeit der Aufmerksamkeit.
2. Hyperaktivität verändert sich häufig mit dem Alter. Bei Kindern ist sie oft körperlich sichtbar und zeigt sich darin, nicht lange still sitzen zu können und sich viel bewegen zu müssen. Bei Erwachsenen wird daraus häufig eine innere Unruhe, wie ein Gedankenkarussell, das nicht stillsteht. Häufig äußert sich das in einem Bedürfnis, immer etwas zu tun zu haben, auch beim Fernsehen oder im Urlaub, oder in der Unfähigkeit, sich richtig entspannen zu können.
3. Impulsivität heißt, einem aufkommenden Impuls sofort folgen zu müssen. Viele Betroffene berichten, dass sich der Impuls so drängend anfühlt, dass es keine Alternative zu geben scheint. Das kann bedeuten, einen Satz zu sagen, bevor man ihn zu Ende gedacht hat, eine Entscheidung zu treffen, deren Konsequenzen man nicht ausreichend bedacht hat, etwas beim Online-Shopping zu kaufen, ohne länger drüber nachgedacht zu haben, oder das Ende eines Satzes schon vorauszusehen und das Gegenüber zu unterbrechen.
Diese drei Bereiche, mit den zusätzlichen Diagnosekriterien im Hintergrund, sind das, was sicher belegt ist und relevant für eine ADHS-Diagnose. Es gibt aber zusätzliche Merkmale, die häufig berichtet oder beobachtet werden.
Was sich in der klinischen Praxis zusätzlich häufig zeigt
Neben den offiziellen Kriterien gibt es eine Reihe von Merkmalen, die in der klinischen Praxis regelmäßig beobachtet und zunehmend auch beforscht werden. Sie sind Teil des typischen ADHS-Bildes, ohne selbst Diagnosekriterium zu sein, und sie sind nicht ausschließlich bei Menschen mit ADHS vorhanden, aber überproportional häufig.
1. Emotionale Dysregulation. Gefühle kommen schneller, stärker und schwerer kontrollierbar. Ein kleiner Ärger kann sich anfühlen wie überwältigend groß, eine kleine Enttäuschung wie ein Weltuntergang. Die Forschung diskutiert diese Beobachtung zunehmend als zentrale ADHS-Komponente, mit wachsender Evidenz, auch wenn sie im DSM-5 nicht als eigenes Kriterium geführt wird.
2. Ein Reizfilter, der nicht zuverlässig arbeitet. Geräusche, Licht, Berührungen. Viele Betroffene berichten, dass alle Reize aus der Umgebung gleichzeitig ankommen, ungefiltert, und vom Gehirn mit der gleichen Wichtigkeit eingestuft werden. Studien finden inzwischen deutliche Zusammenhänge zwischen ADHS-Merkmalen und sensorischer Überempfindlichkeit. Die Forschung dazu steht aber noch am Anfang, die Richtung ist jedoch erkennbar.
3. Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Kritik. Kritik, auch sachlich gemeinte, kann sich unverhältnismäßig groß anfühlen und als Angriff bewertet werden. Manche nennen das Rejection Sensitive Dysphoria, kein anerkannter klinischer Begriff, sondern ein Community-Konzept. Der Zusammenhang zwischen ADHS-Schwere und Ablehnungsempfindlichkeit selbst ist dagegen in mehreren Studien belegt, die genaue Mechanik dahinter aber noch nicht. Es könnte sich hierbei um ein aus der Biografie entstandenes Merkmal handeln: Viele Menschen mit ADHS erleben in ihrem Leben tatsächlich mehr Ablehnung und werden entsprechend sensibler dafür.
4. Ein verzerrtes Zeitgefühl. Fristen wirken entweder unendlich weit weg oder plötzlich viel zu nah. Das Zeitgefühl besteht aus Jetzt und nicht jetzt. Der Begriff Zeitblindheit stammt aus der klinischen Beobachtung, unter anderem von Russell Barkley.
5. Hyperfokus. Das Gegenteil von Ablenkbarkeit. Bei intrinsischer Motivation können Menschen mit ADHS sich stundenlang ohne Probleme konzentrieren. Stunden vergehen wie Minuten, Hunger und Müdigkeit werden übergangen. Das Phänomen kennen viele Betroffene gut, und es zeigt, dass auch ADHS-Gehirne sich gut konzentrieren können. Dafür müssen aber die richtigen Bedingungen gegeben sein, der willentliche Zugriff auf viel oder gar keine Konzentration ist häufig nicht möglich.
6. Maskieren. Viele Erwachsene mit ADHS, besonders Frauen, haben gelernt, ihre Symptome zu kompensieren. Häufig sind das Menschen, die viele Listen haben, viel Kontrolle aufbringen, sich doppelt anstrengen, nicht aufzufallen.
7. Erschöpfung. Viele der ADHS-Symptome und -Merkmale, insbesondere das Masking, sind für Betroffene wahnsinnig anstrengend. Nach außen wirkt das oft mühelos. Der Preis dafür zeigt sich häufig in der Unfähigkeit, sich richtig zu erholen, in der erhöhten körperlichen und mentalen Anspannung oder einem erhöhten mental load. Viele hochfunktionale ADHSler oder Frauen mit ADHS kommen häufig erstmals in Behandlung, weil genau diese Erschöpfung immer weiter zunimmt und die Anstrengung nicht weiter getragen werden kann.
Diese sieben Merkmale stehen in keinem Diagnosemanual, und vermutlich gehören sie dort auch nicht hin, denn sie sind bei vielen ADHSlern vorhanden, aber eben nicht bei allen. Zudem sind sie zwar inzwischen gut durch Betroffene und Kliniker beschrieben, aber nicht ausreichend erforscht. Und trotzdem: Sie erklären oft mehr vom Alltagsleiden als die drei offiziellen Kriterien allein.
Stärken, die Betroffene selbst immer wieder berichten
Genauso wichtig wie Diagnosemanuale und klinische Beobachtungen sind die Erfahrungen der Betroffenen, die in Gesprächen, Foren und der ADHS-Community auffallend häufig genannt werden. Wissenschaftlich systematisch untersucht sind sie bisher kaum, was sie nicht falsch macht, aber auch noch nicht zu Tatsache.
1. Kreativität. Viele Betroffene beschreiben Kreativität als etwas, das eng mit ihrem ADHS verwoben ist. Gemeint ist damit häufig, dass Betroffene sich als ideenreich, assoziativ und outside-the-box-denkend wahrnehmen oder von außen so wahrgenommen werden. Pauschal heißt das aber noch nicht „ADHS macht kreativ“, aber es könnte sein, dass die Art, wie ein ADHS-Gehirn arbeitet, auch damit einhergeht, manchmal kreative Wege zu gehen.
2. Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Wird in der ADHS-Community sehr häufig berichtet, oft verbunden mit einer geringen Toleranz für Unehrlichkeit oder Willkür. Es könnte sein, dass dieser Gerechtigkeitssinn aus den Biografien entsteht, da viele ADHS-Betroffene selbst viel Ungerechtigkeit und negative Beurteilung in ihrem eigenen Leben erleben und diese als Erwachsene bei anderen nicht gut aushalten können. Das ist aber einzig und allein eine Vermutung dazu.
3. Ein feines Gespür für die Stimmung anderer. Viele Betroffene beschreiben, schnell zu merken, wenn im Raum etwas nicht stimmt, noch bevor es ausgesprochen wird. Sinn macht das insbesondere im Kontext der Reizfilterstörung: Wenn ADHSler alle Reize der Umgebung gleichzeitig aufnehmen, dann auch solche, die andere als unwichtig ausfiltern würden. Das kann übrigens auch anstrengend sein. Wenn ich immer die erste Person bin, die merkt, dass etwas nicht stimmt, fühle ich mich für die Stimmung im Raum auch häufig verantwortlich.
Ich finde diese Beschreibungen auch deshalb wichtig, weil Erfahrungen von Betroffenen ernstgenommen werden sollten. Sie ergänzen das wissenschaftlich geprüfte Bild und können neue Impulse für zukünftige Forschung geben.
Was ich in meinem Coaching sehe: Ein Gehirn, das zwischen zwei Extremen pendelt
Über alle drei Ebenen hinweg sehe ich in der Beratung ein Muster besonders häufig, das mehrere der genannten Merkmale miteinander verbindet: Viele ADHS-Gehirne, die ich bisher kennenlernen durfte, kommen mit zu wenig Anforderung nicht gut zurecht und mit zu viel genauso schlecht.
Zu wenig Reiz und zu wenig Herausforderung kippt in Langeweile, innere Unruhe, manchmal in Selbstkritik, weil sich nichts bewegt, obwohl man doch etwas tun sollte. Zu viel Reiz, zu viel Anforderung und zu viele Aufgaben gleichzeitig kippt in die andere Richtung. Überforderung, Erschöpfung, das Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht mehr hinterherzukommen. Ein Tag ohne Struktur kippt in Unruhe, ein vollgepackter Kalender kippt in Erschöpfung.
Die eigentliche Aufgabe ist selten, mehr Disziplin aufzubringen. Sie ist, das eigene Maß zu finden und über den Alltag hinweg zu halten und die eigene Energie ernst zu nehmen.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Genau deshalb reicht eine reine Symptom-Checkliste oft nicht: Das Pendel aus Über- und Unterforderung, das ich eben beschrieben habe, erklärt oft besser als jedes Einzelsymptom, warum sich der Alltag so anstrengend anfühlt.
Ich sehe in meiner Arbeit oft, wie sehr es entlastet, wenn Klient:innen verstehen, was tatsächlich zu ADHS gehört und was nicht. Erst dann kann man verstehen, warum bestimmte Dinge im Alltag so viel Kraft kosten, obwohl sie für andere selbstverständlich wirken.
Gleichzeitig halte ich es für wichtig, in der Aufklärung nicht alles auf eine Stufe zu stellen. Ein DSM-Kriterium ist etwas anderes als eine klinische Beobachtung, und eine klinische Beobachtung ist wieder etwas anderes als eine häufig berichtete Erfahrung. Wer das vermischt, macht ADHS am Ende weder verständlicher noch ernst nehmbar. Er nimmt Betroffenen im Zweifel auch die Möglichkeit, sich selbst realistisch einzuschätzen, weil jede Alltagsbeobachtung sofort zur Diagnose aufgeblasen wird oder umgekehrt jede echte Herausforderung als bloße Interpretation abgetan werden kann. Genau da sitzt die Gefahr von emotionalen, aber stark vereinfachten Reels.
Für die Praxis heißt das: Die drei Kernkriterien sind der Ausgangspunkt für eine Diagnose, aber auf keinen Fall der Endpunkt für das Verständnis. Wer alle drei Ebenen kennt, kann für sich selbst besser einschätzen, wo eigene Beobachtungen liegen und wann ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll ist.
Was bleibt, wenn man alle drei Ebenen zusammen betrachtet: ADHS ist mehr als drei Kriterien in einem Diagnosemanual. Es ist ein Gehirn, das Reize, Emotionen und Zeit anders verarbeitet als die Mehrheit. Das bringt echte Herausforderungen mit sich, die richtig anstrengend sind. Es bringt aber auch Denkweisen mit, die in vielen Bereichen einen echten Unterschied machen, wenn sie erkannt und genutzt statt nur ausgehalten werden.
Ich erlebe in der Beratung oft, wie viel es verändert, wenn jemand diese drei Ebenen für sich sortieren kann. Willst du wissen, ob das, was du von dir kennst, wirklich ADHS ist, findest du in der ADHS-Diagnostik eine fundierte Einschätzung mit schriftlichem Befund. Willst du direkt an deinen eigenen Mustern und deinem Alltag arbeiten, unabhängig von einer Diagnose, ist das ADHS-Coaching der passende nächste Schritt. Und wenn du erst einmal sortieren willst, wo du gerade stehst, kannst du in der kurzen Selbsteinschätzung herausfinden, ob ein Coaching zu dir passt.
Hinweis: Dieser Blog-Post dient der Psychoedukation und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung oder Diagnostik. Bei Verdacht auf ADHS bitte an eine approbierte Fachperson wenden.
Laura Moosmüller ist approbierte Psychotherapeutin mit M.Sc. in Klinischer Psychologie und Psychotherapie. Sie arbeitet im Bereich psychologische Beratung und ADHS-Coaching, klar abgegrenzt von Psychotherapie.
